Was lieben Ihre Kinder an Ihnen?

Meine Inkonsequenz (lacht). Frederike hat schon über mich gesagt, ich sei ihre beste Freundin. Eines der größten Komplimente, das man von der Tochter bekommen kann. Bei Philipp ist die Seelenverwandtschaft eine andere. Groß ist sie bei beiden. Sie haben mich schon zur vierfachen „Oti“ gemacht. So nennt man hier die Oma. Ich reise auch gern zu ihnen, denn beide leben ebenfalls in einem sehr beseelten Umfeld.

 

Wie haben Sie sich im Leben persönlich durch die Fotografie weiterentwickelt?

Ich habe mit 14 Jahren den Lehrberuf als Fotografin begonnen. Über das Medium der Fotografie mit sich selbst zu sein und auf sich konzentriert bleiben zu dürfen, ist ein hohes Gut. Es bringt einen auch raus in die Welt. Helgoland, dieser Mikrokosmos, dieses kleine Paradies ist groß und fein genug, wenn man alles nutzt, was es hier zu nutzen gibt. Das andere muss man sich in der Welt zusammensuchen. Mit der Fotografie als Medium auch international arbeiten zu dürfen, war mein Glück und hat zu meiner Entwicklung beigetragen.

 

2001 und 2006 waren Sie mit dem Forschungsschiff „Polarstern“ in der Antarktis unterwegs. Wie ist es dazu gekommen?

Das ist ziemlich kurios. Draußen vor der Hummerbude stand ein Foto von mir. Das zeigte eine Qualle - eines meiner besten Bilder. Daraufhin ist ein Mann hereingekommen, der Antarktiswissenschaftler war - das wusste ich damals noch nicht. Ich dachte: Aha, der vertritt sich hier die Füße und seine Frau ist shoppen. Am zweiten und dritten Tag kam er wieder und fragte mich, ob ich mir vorstellen könne, in der Antarktis „Eis in Licht und Schatten“ umzusetzen.

 

Ohne nachzudenken habe ich ganz fröhlich geantwortet: „Ja! Warum denn nicht? Das ist doch immer im November, Dezember, Januar, wenn auf Helgoland sowieso nicht viel los ist.“ Dann ist dieser Mann rausgegangen und hat mit erhobenem Zeigefinger zu mir gesagt: „Frau Tadday, Ich bin ein konkreter Mensch. Sie werden von mir hören.“

Wie ging’s weiter?

Im Januar kam dann ein Anruf. Am Telefon war Professor Dr. Ulrich Bathmann vom Alfred-Wegener-Institut und fragte: „Wie flexibel sind Sie? Wie schnell könnten Sie mitkommen? Eine Freundin, ebenfalls Wissenschaftlerin, sagte damals: „Wenn du jetzt nein sagst, rede ich nicht mehr mit dir. Das ist eine einmalige Möglichkeit.“ Im April 2001 bin ich dann das erste Mal sechs Wochen lang in den antarktischen Herbst mitgefahren. Später, im Jahr 2006, dann noch mal für drei Monate in den antarktischen Winter. Von einer Reise in den antarktischen Sommer, also in unseren Wintermonaten, träume ich gerne weiter.

Wie kamen Sie im Team zurecht?

Es war für mich leicht, mich in die Mannschaft einzufügen, denn auch Helgoland ist nichts anderes als ein großes Schiff. Bei 100 Menschen an Bord und so vielen Nationalitäten ist es spannend und aufregend zugleich. Meine Position war ja auch privilegiert. Ich musste nicht. Ich durfte. Wenige Menschen kommen an diesen Ort. Geschweige denn, dass Wissenschaftler Künstler für längere Zeit mitnehmen. Heute weiß ich natürlich, warum Professor Bathmann drei Mal in der Hummerbude war. Er wollte ausloten: Passe ich in die Gruppe? Auf das Schiff? Halte ich das wohl so lange aus?

 

Was haben die Expeditionen bei Ihnen ausgelöst?

Sie haben mein Leben noch einmal ganz auf den Kopf gestellt. Mir auch über meine Landschaftsbilder aus dieser wunderbaren Region der Erde einen beruflichen Schub gebracht. Diese Expeditionen haben mir ein neues Spektrum rund um die Naturansichten eröffnet.

 

Auch Demut?

Demut kann in dieser Natur gar nicht ausbleiben. Dort weiß und fühlt man, wie klein und zerbrechlich wir sind. Der Mensch ist in dieser Landschaft wirklich sehr winzig und unscheinbar.

 

Was hat Sie am meisten berührt?

Es war auf der zweiten Reise im WM-Fußballsommer 2006. Während eines Fluges im Helikopter - die meisten Fotos durfte ich von dort aus machen - flogen wir durch die Wolkendecke und sahen unter uns einen riesigen schwimmenden Eisberg, der aussah wie ein Schlösschen. Diesen zu beobachten, zu umkreisen und in seinen verschiedenen bizarren Formen und Farben, in seiner Maßstablosigkeit und grenzenloser natürlicher Schönheit zu erleben und fotografieren zu dürfen; daraus ist eines meiner eindrucksvollsten Landschaftsbilder aus der Antarktis entstanden.


Lilo Tadday traf ich im November 2018 in ihrer Galerie auf Helgoland.

 

Lilo Tadday

Hummerbude 36

27498 Helgoland

www.tadday-foto.de

Telefon: 04725 / 217

mobil: 0162 / 80 30 200


Was war das Mutigste in Ihrem Leben?

Ich selbst habe mein Leben nie als besonders mutig empfunden. Es immer als einen eher normalen Werdegang eingeordnet. Es war im Nachhinein sicher mutig, sich der Expeditionen allein anzuschließen. Aber in dem Moment, als ich mich dazu entschlossen hatte, habe ich das nicht so empfunden.

 

Was heißt Mut für Sie?

Vielleicht habe ich ein anderes Wort für Mut: Neugierig sein. Wissbegierig. Dann ist der Mut ganz natürlich da.

 

Nach dem frühen Tod Ihres ersten Mannes haben Sie noch einmal geheiratet. Wie glücklich sind Sie?

Ich kann mir nicht vorstellen, glücklicher und zufriedener zu sein, als ich mich gerade fühle. Weil ich weiß, dass Helgoland der richtige Ort und Platz für mein Leben ist. Ich hoffe, hier so lange wie möglich leben zu können.

 

Wovon träumen Sie?

Mit meinem Mann, meinen Kindern und Enkelkindern im Warmen auf einem Hausboot zusammengedrängt eine Zeit verbringen zu dürfen- oder, extrem alternativ, unter Polarlicht mit allen Skizulaufen... .

 

Was dürfte an Bord nicht fehlen?

Ganz klar, die Kamera.