Weil auch Sie so authentisch sind?

Geworden bin! Ich habe am Anfangnur Jeans, Hemd und Pferdeschwanz getragen, weil ich nicht auffallen wollte. Irgendwann sagte mal ein langjähriger weiblicher Gast: „Franca, du ziehst dich immer an wie dein eigener Kellner. Wenn man hier reinkommt, fehlt der Gastgeber.“ Sie hatte Recht. Das war so gar nicht ich. Selbst in der Schule hatte ich ja schon Rock und hohe Schuhe getragen. Aber ich dachte, ich müsste mich schützen und in eine Rolle schlüpfen. Erst als mein Vater mal im Urlaub war, habe ich begonnen, meine Kleidchen zu tragen. Als er zurückkam, sagte er nur: „Trägst du jetzt Kleider?“ Jawohl, seitdem fühle ich mich wohler. Das bin ich.

 

Entspannt war's beim Lokaltermin mit Franca Cuneo auf St. Pauli.

Sie führen zehn ausschließlich männliche Mitarbeiter. Wie klappt das so?

Über das Gespräch. Meine Mitarbeiter können jederzeit - wenn ich nicht im Stress bin - zu mir kommen, Kritik äußern und konstruktive Vorschläge machen. Jeden Monat führe ich mit jedem einzelnen ein längeres Gespräch. Das ist anders als früher. Mein Vater hat sich immer um alles selbst gekümmert hat. Nach dem Motto: Es läuft so, wie ich es sage.

 

Was schätzt Ihr Team an Ihnen?

Dass ich gerecht, präsent und immer erreichbar bin. Ich versuche, mich so zu benehmen, dass jeder mit guten Gewissen sagen kann: Für die arbeite ich gern.

 

Wen würden Sie gern mal treffen?

Mit dem Papst würde ich gerne mal sprechen. Der hat bestimmt nichts anbrennen lassen, bis er Priester wurde. Er war ja mal verlobt und Tangotänzer...

 

Was würden Sie ihn fragen?

Vieles. Vor allem, wie er sich überhaupt durchsetzen kann in der sehr festgefahrenen Struktur der Kirche. Ich denke, er ist derjenige, der am wenigsten Dreck am Stecken hat. Ich würde gerne mal wissen, wie man die Strukturen der Kirche überhaupt in den Griff bekommen kann. Im Gegensatz zu vielen Menschen in meiner Generation lehne ich die Kirche nicht ab. Aber die Art und Weise, wie es intern läuft, kann ein intelligenter Mensch nicht gut finden.

 

Wie gläubig sind Sie?

Mein Glaube ist ein sehr privater Glaube. Ich glaube an einen wachsamen Gott, der mich bis jetzt gut durchs Leben geführt hat. Es gibt natürlich auch immer Phasen, in denen man von sich selbst weit weg ist und sehr im Außen lebt. Deshalb ist es wichtig, religionsübergreifend einen ruhigen Ort zu finden, an dem man sich besinnen kann. Das kann mit Rosenkranzbeten oder einer Meditation sein.

 

Wie glücklich sind Sie?

Sehr glücklich. Es gibt Momente, in denen ich gestresst bin. Dann habe ich keine Lust mehr, könnte alles hinschmeißen. Doch dann denke ich: Nimm dich selbst nicht so ernst. Und alles ist wieder gut.

Glück bedeutet...

...dass nichts Schlimmes passiert. Das Lokal hat zwei Kriege gesehen. Es sind schon zwei Familienmitglieder und ein Seemann hier an Tischen gestorben. Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem durchaus auch schlechte Zeiten ein Thema waren. Es ist jedoch nichts Schlimmes passiert. Das ist schon gut.

 

Wie mutig sind Sie?

Ich weiß nicht, ob ich mutig bin. Eher ungestüm. Meine Mama, die mich ja nun mein Leben lang beobachtet hat, attestiert mir Mut. Es gab mal eine Phase, vor sechs Jahren, da hatten wir Probleme mit einer Erpressung. Es waren Hamburger, sie sind heute noch im Gefängnis. Es gab eine fingierte Übergabe. Für mich war es damals kein Thema zu sagen: Ok, ich mache das. Mein Bruder, 12 Jahre älter als ich, kriegte nur große Augen. Im Nachhinein hat die Familie zu mir gesagt: Das war mutig.

 

Das Cuneo liegt in der Davidstraße. Umgeben von Prostitution. Wie war das früher für Sie?

Als Kind bin ich damit aufgewachsen. Habe mal gefragt: Mami, Mami, warum stehen die Frauen da alle? Sie antwortete: „Na ja, es gibt Männer, die haben niemanden zum Kuscheln und können diese Frauen bezahlen. Dann kuscheln die mit denen. Und damit die Männer sehen, was sie bekommen, machen die Frauen Werbung für sich und haben deshalb nicht so viel an.“ Das habe ich verstanden.

 

Wie gehen Sie miteinander um?

Umsichtig. Auf dem Weg ins Lokal sprach mich kürzlich mal Freier an. Sofort kam eine Dame zu ihm und sagte: „So Schatz, du bleibst bei mir. Und die kleine Cuneo geht jetzt nach Hause.“ Sie wollte mich schützen.

 

Wie berührt Sie die Obdachlosigkeit hier auf dem Kiez?

Sehr. Ich wohne ja auch hier. Wichtig ist, die Augen nicht zuzumachen. Den Menschen zu helfen, so wie man seinen Nachbarn hilft. Es gibt durchaus Menschen, die reinkommen und sagen: „Ich habe Hunger.“ Das gab es hier so viele Jahre nicht. Da geben wir natürlich eine Pasta oder so. Die Pastoren auf St. Pauli machen einen tollen Job. Wenn sie Unterstützung brauchen, sprechen Sie uns an: „Könnt ihr ein wenig Pizza vorbeibringen?“ Mein Vater hat schon immer gesagt: „Sagt uns bitte Bescheid. Wir helfen gern.“

 

 

Wovon träumen Sie, Franca?

Dass es den Laden in 50 Jahren noch gibt. Und er es so schafft, auch noch nach mir zu bestehen.

www.cuneo1905.de

Foto: Cuneo