„Ich bin ein ganz anderer Mensch geworden. Denn ich wusste: Ich kann meine Arbeit als Ärztin weitermachen. Und meinen Mann wieder richtig verstehen. Vor der Implantation ging das nur, wenn er dicht vor mir stand und ganz langsam sprach. Bei meiner Logopädin in Hannover lernte ich wieder, richtig zu sprechen. Je besser meine Hörfähigkeit wurde, desto selbstbewusster wurde auch ich.“

 

Je höher der Leidensdruck ist, desto mutiger wird man

Wie mutig sieht sie sich? „Je höher der Leidensdruck ist, desto mutiger wird man. Je steiler der Berg ist, desto stärker trete ich in die Pedale,“ sagt die Frau, die jeden Tag mit dem Rennrad 20 Kilometer zur Klinik und zurück fährt und gern mal einen Halbmarathon läuft. „Stellen Sie sich vor, Sie sind 18 Jahre alt und haben einen Hörschaden. Um Sie herum erzählen Ihnen anerkannte Fachleute: Arzt ist ein kommunikativer Beruf. Das können Sie auf keinen Fall machen.“ „Doch ich habe mir nichts gefallen lassen“, sagt Dr. Veronika Wolter. „Immer wenn mir jemand einen Stein in den Weg legte, habe ich gesagt: Nein, das darf nicht sein. Ich muss einen Weg finden.“

Rund 150 Cochlea-Implantationen hat die Ärztin bereits erfolgreich umgesetzt.

Die Familie gab ihr Kraft

Erst am Krankenhaus Martha-Maria in München, ihrer dritten Station als Ärztin, sei sie aufgestanden wie Phönix aus der Asche. „Mein Chef, Professor Markus Suckfüll, war der erste, bei dem ich gemerkt habe: Der hört mir zu. Wenn Sie operieren lernen, ist jedes Wort wichtig. Er hatte überhaupt kein Problem, ein zusätzliches Mikrofon am Mundschutz zu tragen, damit ich ihn besser verstehe. Das mache ich in der Tat noch heute so. Im OP darf es nicht zu Missverständnissen kommen. Sie müssen sehr sicher sein, alles richtig zu verstehen.“

 

Kraft habe ihr stets auch die Familie gegeben, sagt sie rückblickend. „Meine Eltern haben mich unterstützt und bestärkt, dass Menschen nicht das Recht haben, mich auszugrenzen, sondern dass ich so wie ich bin, gut bin. „Andere Leute haben eine Brille, du hast ein Hörproblem“, haben sie gesagt. „Lass dich davon nicht einschränken. Gehe deinen Weg, den du gehen willst.“ Sie habe versucht, das zu tun. „Ich hab mich immer gefragt: Was ist dir wichtig? Relativ schnell bin ich bei der Medizin gelandet. Ich wollte etwas Sinnvolles machen, das anderen Menschen hilft. Wenn ich merke, ich kann einem Patienten helfen, dann therapiere ich mich immer auch ein kleines Stück mit. Und spüre: Das, was ich durchgemacht habe, war nicht umsonst.“

 

Wir verabschieden uns. Dr. Veronika Wolter hat Feierabend. Nun heißt es ab aufs Rennrad und nach Hause zu Mann und Sohn. Der ist 18 Monate alt und Gott sei dank gesund. „Jetzt kommen die ersten Wörter. Das ist total schön!“