Hat der Glaube dir geholfen?

Sehr. Ohne den lieben Gott würde ich gar nicht hier sitzen. Der hat mir ziemlich oft das Leben gerettet. Als ich 1992 diesen lebensbedrohenden Knochentumor hatte, betete ich zum lieben Gott obwohl er mir ganz viel genommen hatte. Die Verbindung zwischen ihm und mir war mir immer wichtig. Ich gehe gern allein in der Natur spazieren. Auf allen Spaziergängen halte ich Zwiesprache mit dem Boss da oben: „Ich muss mal überlegen, was soll ich jetzt machen: Kannst du mir helfen?“ Und er gibt mir eine Anleitung, in welche Richtung ich gehen soll. Ich lebe den Glauben.

 

Dazu gibt es eine Anekdote, die ich immer gern erzähle. Der NDR hatte vor Jahren mal eine Fernsehsendung, in der es um Gott ging. Ich tauchte am Set auf und alle Kollegen fragten: ‚Was machst du denn hier?’ Ich sagte: ‚Alter, ich rede jetzt über Gott’. ‚Carlo, hör’ auf.’ Das traute man mir gar nicht zu. Weil ich sonst einen etwas anderen Lebensstil gepflegt habe. Gott ist für mich die Stütze. Meine damaligen Süchte hätte ich ohne die Hilfe des lieben Gotts gar nicht überwunden.

Was bedeutet Glück für dich?

Dass ich von mir aus behaupten kann, ein angstfreier Mensch zu sein. Das ist, glaube ich, eine besondere Form des Glücks. Wenn die nächste graue oder schwarze Wolke kommen sollte, was ich nicht hoffe, ich schiebe sie beiseite. Das weiß ich.

 

Welche Menschen haben dich in deinem Leben am meisten geprägt?

Mama und Papa waren die zentralen Personen in meinem Leben. Und sie bleiben es auch. Ich bin als Einzelkind großgeworden und hatte eine so unfassbar enge Verbindung zu meinen Eltern. Die starben ja ziemlich schnell hintereinander innerhalb von vier Monaten. Das war wirklich eine sehr schmerzhafte Zäsur in meinem Leben. Ich habe zuhause nicht ein einziges Bild meiner Eltern. Das würde mir wehtun. Ich brauche auch keine Bilder, denn ich habe sie so intensiv bei mir.

 

Was hast du von deiner Mutter?

Meine Mutter hatte ein sehr gutes Urteilungsvermögen im Umgang mit anderen Menschen. Ich glaube, das habe ich geerbt.

 

Wie zeigt sich das?

Ich denke, dass ich Menschen ganz gut einschätzen kann. Ich brauche nicht lange, um Menschen gut oder nicht so gut zu finden. Das ist so eine Sache, die habe ich in mir.

 

Du bist ein Nachkomme des Schriftstellers Heinrich von Kleist...

Auch ich habe immer gern geschrieben, schon als Kind. Gedichte oder Kurzgeschichten. Die Schreibe war und ist für mich heutzutage immer noch ganz wichtig. Mitunter schreibe ich irgendetwas auf, was mich bewegt. Das liegt zwei, drei Tage rum und dann zerreiße ich es.

 

Schreibst du auch mal an deine Kinder?

Nein, meine ältesten Töchter Theresa und Lisa, die beide in Hamburg leben, rufe ich jeden Tag an. Dann sagen sie: „Papa, wir haben doch gestern telefoniert.“ Ich antworte: „Gestern ist gestern.“ „Aber Papa, lass’ dir doch ein paar Tage Zeit.“ Nein, das schaffe ich. Da bin ich so ein Klammerhaken.

 

Was geben dir deine vier Kinder Theresa, Lisa, Nikolas und Viktoria?

Kinder geben mir als Vater so viel Glück, wie es mir kein anderer Mensch geben kann. Du bekommst eigentlich den Sinn des Lebens durch deine Kinder. Denn du hast dein Leben lang Verantwortung für sie, lebst für die und versucht, alles gut und richtig zu machen. Mein Fehler ist: Ich kann nicht loslassen! Das lerne ich auch nicht mehr. Das ist ganz, ganz schwer für mich.

 

Hörst du auf deine Kinder? Wenn ja, hast du ein Beispiel?

Eines Nachts vor zwei Jahren, steht meine jüngste Tochter Viktoria in der Schlafzimmertür, guckt mir in die Augen und sagt: „Papa, alle haben aufgehört zu rauchen, höre bitte auch auf.“ Am nächsten Tag habe ich nicht mehr geraucht. Wie geht das denn? Andere bemühen sich jahrelang. Das ist für mich wirklich ein solches Wunder und ein Geschenk, weil ich eben die Heiligkeit dieses Moments gespürt habe: Meine Tochter, damals 13, machte sich unfassbare Sorgen um ihren rauchenden Papi. Da stand Angst dahinter. Wenn du das merkst, dann kannst du dein Kind nicht anscheißen. Das habe ich Weihnachten vergangenen Jahres noch einmal im Familienkreis thematisiert und sie sagte nur: „Das musstest du auch machen, Papi. Ich habe dich gebeten.“

 

Deine Tochter Theresa hat dich mit der kleinen Frieda zum Großvater gemacht. Was bedeutet dir das?

Opa zu sein ist toll! Das Würmchen ist jetzt im März zwei Jahre alt geworden. Ich genieße es, dass ich das Kind meiner Tochter, meine Enkelin, auf meinen Knien haben kann. Ein unfassbar süßes Kind.

 

Denkst du an Heimat,  dann denkst du an... ?

Das Gut Bockhorn im Kreis Wankendorf. Wir haben ein Familiengrab dort. Nicht nur die Tiedemanns, auch die Kleists, die Donners und die Bronsarts. Im Mausoleum auf dem Friedhof von Wankendorf liegen meine Eltern. Da werde ich dann auch irgendwann eingekuhlt. Es war der Zufluchtsort meiner Familie, als wir im Krieg aus Pommern vor den Russen fliehen mussten. Ein altes Schloss, das im Familienbesitz der Baronin Donner war, der Schwester meiner Mama. Sie hatte einen Baron Donner geheiratet und der war Schlossherr auf Gut Bockhorn. Das ist für mich verbunden mit einer unfassbar schönen Kindheit. Die haben damals bestimmt 20 Familien aufgenommen. Wir alle lebten in einem Zimmer mit vier, fünf Leuten. Haben die Not aber gar nicht gespürt. Ich hatte 20 bis 30 Kinder zum Spielen. Es gab Pflaumenmus aufs Brot. Als ich sieben war, sind wir dann erst nach Hamburg gezogen. Aber die ersten fünf, sechs Jahre, die prägen. Deswegen ist es für mich jetzt auch so schön in Quickborn zu leben, weil es Land ist. Ich sage jetzt etwas, das ist so schön: Der Himmel ist so weit. Da guckst du Kilometer über Felder und kleine Wäldchen und das berühmte Himmelmoor.

 

Wie lebst du denn dein Familienleben draußen in Quickborn?

Ich habe einen Heiligenschein. Der wird geputzt (lacht). Nein, ganz normal. Wir leben zur Miete in einem Haus. Das ist bezahlbar. Wir wohnten zuvor in einer sehr schönen dreieinhalb Zimmer-Wohnung an der Hamburger Alster. Als Julia mit Viktoria schwanger war, haben wir nach vier Zimmern gesucht. Dieser Sprung zwischen dreieinhalb und vier Zimmern war gleich 1000 Euro teurer. Wir konnten das nicht mehr bezahlen.

 

Wie war das für dich, als älterer Mensch noch Mal Vater geworden zu sein? Und wie gehst du mit dem Älterwerden um?

Als meine Frau und ich uns entschlossen haben, noch mal Eltern zu werden, habe ich gesagt: ab dafür! Ich war 60, als ich zum letzten Mal Papa wurde. Mein Papa ist 101 geworden. Ich habe überhaupt keine Schwierigkeit mit dem Alter, weil ich davon ausgehe, dass ich ein alter Sack werde und mich darauf freue. Die 75 habe ich nicht gefeiert. Ich freue mich jetzt auch schon auf die 80. Da lasse ich die Sau raus. Da wackelt Hamburg.