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Ein Platz für Sternenkinder - Interview mit Hebamme Anne Krack

Es ist ihr Strahlen, das sie so sympathisch macht. Und dann diese herzliche Art schon bei der Begrüßung. Anke Krack ist eine Sympathieträgerin. Die „Sternenkinder“ sind das Herzensprojekt der Hebamme aus Holm - totgeborenen Kindern unter 500 Gramm auf dem Holmer Friedhof einen Platz für ihre letzte Ruhe zu schenken, ist das Anliegen der Mutter zweier erwachsener Söhne. Ein Gespräch über Vertrauen und Verlust, über Beruf und Berufung und die Frage: Gibt es ein Leben nach dem Tod?

 

Anke Krack, es werden heutzutage immer mehr Kinder geboren, aber es gibt keine Hebammen mehr.

Ja, die Mehrbelastung in den Kliniken ist untragbar. Viele sagen: Wir können keine individuelle Geburtshilfe mehr leisten, die Zeit ist gar nicht mehr da. Dann ist man nach jedem Dienst im Krankenhaus froh, wenn alles gut gelaufen ist. Ich finde es erschreckend, wie früh die Frauen sich bei uns Hebammen anmelden müssen. Bereits in der achten Woche! Da begreifen viele noch gar nicht, dass sie schwanger sind. Wenn eine Schwangerschaft schief geht, müssen sie sich bei mir wieder melden. Das ist sehr traurig. Doch glücklicherweise haben sie trotzdem ein Anrecht auf eine Hebamme, die sie durch diese Phase begleitet.

 

Aber es fehlt oft der Ort zum Trauern...

Ja, doch es tut sich gerade ganz viel zu diesem Thema. Nicht nur Kinder, die mehr als 500 Gramm bei der Geburt wiegen, werden in Schleswig-Holstein bestattet, sondern auch Kinder unter 500 Gramm, die sogenannten „Sternenkinder“, dürfen nun endlich beerdigt werden, wenn die Eltern das möchten. Es gibt Bestatter, die sagen: „Wir machen das kostenlos möglich.“ Die Kliniken klären darüber sehr gut auf.

 

In Pinneberg, Wedel und Moorrege gibt es bereits würdige Plätze für Sternenkinder.

Ja, und es wäre gut, wenn das in Holm nun auch möglich wird. Holm ist ein sehr junges Dorf mit zahlreichen Familien. Ich bin überrascht, wie viele Frauen das Thema betrifft. Im Januar 2019 habe ich ein Schreiben aufgesetzt an unseren Bürgermeister Uwe Hüttner mit der Bitte, eine Fläche auf dem Holmer Friedhof kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Und mich sehr gefreut, dass die Holmer Gemeindevertretung dem am 31. März einstimmig zugestimmt hat.

 

Wie geht es nun weiter?

Die Gemeinde hat das Thema in meine Hände gelegt. Aus der Bevölkerung erhalte ich unglaublich viel Resonanz. Menschen kommen zu mir an die Tür und möchten das auch finanziell gern unterstützen. Wir haben einen schönen Platz gefunden, den wir mit den Spenden würdevoll gestalten möchten. Und hoffen, ihn im Spätherbst einweihen zu können.

 

Ihr eigenes Schicksal hat Sie zu Ihrem Herzensprojekt „Sternenkinder“ geführt.

Ja, neben meinen beiden gesunden Söhnen habe ich zwei Kinder während der Schwangerschaft verloren. Das erste in der 12. Woche, sein Herz schlug nicht mehr. Und das zweite in der 24. Woche. Das kleine Mädchen hatte kein Zwerchfell angelegt. Sein Herz war beeinträchtigt, auch die Lunge war nicht richtig angelegt. Das war das Schlimmste, was ich in meinem Leben je erlebt habe. Gerade mir als Hebamme musste das passieren. Die Ärzte im UKE Hamburg meinten, ich könne die Schwangerschaft jetzt abbrechen, weil sie davon ausgingen, dass das Kind nicht lebensfähig sei. Mein Mann und ich haben das lange diskutiert und die Entscheidung getroffen, die Schwangerschaft zu beenden. Ich habe das Kind im Albertinen-Krankenhaus zur Welt gebracht. Allein mit meinem Mann. Wir haben unser Kind dann vor 22 Jahren hier auf dem Holmer Friedhof beerdigt.

 

Haben Sie dann gleich wieder Ihre Tätigkeit als Hebamme aufgenommen?

Nein. Ich dachte damals, das kann ich nie wieder. Ein Jahr lang habe ich bei einer Freundin gearbeitet, die in der Nähe eine Baumschule und ein Gartencenter betreibt. Habe in der Erde gebuddelt, um mich selbst wieder zu erden. Es hat mir Spaß gemacht, doch meinen Beruf habe ich sehr vermisst und gemerkt: Er ist einfach meine Berufung. Langsam habe ich dann meine Nachsorgetätigkeit wieder aufgenommen und bin immer mehr zur Vertrauensperson für Frauen mit einem ähnlichen Schicksal geworden.

 


 

Hier auf dem Holmer Friedhof soll im Spätherbst ein würdiger Platz für Sternenkinder entstehen. Die Gemeinde Holm hat ein Spendenkonto für die Sternenkinder-Ruhestätte auf dem Friedhof Holm eingerichtet. Mit den Geldern soll der Platz würdevoll gestaltet werden, u.a. mit Anpflanzungen, einer Bank und einer Stele mit Skulptur.

Spendenkonto Gemeinde Holm,

Volksbank Pinneberg Elmshorn eG,

IBAN: DE88 2219 1405 0043 5570 90,

Verwendungszweck: Sternenkinder


Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Ja, ich glaube, dass es da etwas gibt. Mein zweiter Sohn heißt Jonathan, weil ich das Buch „Die Brüder Löwenherz“ von Astrid Lindgren so toll finde. Darin geht es auch um das Leben nach dem Tod. Immer wieder habe ich ein „déjà vu“ und denke, diesem Menschen bin ich doch schon mal begegnet, obwohl das nachweislich nicht der Fall war. Aber vielleicht hat sich eine mir vertraute Seele nur einen neuen Körper gesucht.

 

Sind Sie ein glücklicher Mensch?

Das denke ich schon, denn ich werde geliebt. Ich empfinde es immer wieder als Glück, wenn die Frauen mir vertrauen und sagen: „Es ist toll, dass du da bist, ich dich alles fragen kann und mich in deiner Nähe sicher fühlen darf.“ Das macht mich glücklich.

 

Wen möchten Sie gern einmal treffen?

Den lieben Gott. Und ihn fragen, wie er es sich weiter vorstellt mit der Menschheit. Ob er sich das tatsächlich so gedacht hat, wie sich die Welt entwickelt, die immer verrückter, technischer, anonymer und unmenschlicher wird.

 

Wovon träumen Sie?

Ich würde gern eine Weltreise mit unserem Wohnmobil machen, nach Neuseeland, Australien und in die asiatischen Länder. Die verschiedenen Lebensweisen kennenlernen, auch was die Entbindung betrifft. Und mal in einem Krankenhaus als Hebamme hospitieren.

 

 

 

 

 

Verraten Sie uns Ihr Lebensmotto?

Am Ende wird alles gut. Wenn es noch nicht gut ist, dann ist es auch noch nicht das Ende.

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