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Namaste! Meine Auszeit in Indien: "Bei uns ist der Gast Gott!"

Im zweiten Teil meines Reiseberichtes aus Nordindien geht es unter anderem um Gastfreundschaft und Gewürze, um Kunst und das Kastensystem im Hinduismus.

 

Mit Kisha vor dem India Gate.

25. April 2019

Heute begleitet mich Kisha durch den Tag. Mit der Archäologin und Forscherin an der Mahira Foundation geht es zunächst zum India Gate nach Neu-Dehli. Der 42 Meter hohe Bogen, 1921 von Sir Edwin Lutyens nach dem Vorbild des Arc de Triomphe in Paris entworfen, soll an die Soldaten erinnern, die im Ersten Weltkrieg für das Britische Empire starben. Ein Anziehungspunkt für viele Inder, hier zu verweilen und auf den umliegenden Grünflächen Zeit miteinander zu verbringen.

 

„Auch ich komme gern hierher“, sagt Kisha. „Es ist so friedlich hier.“ Die 29-Jährige ist eine selbstbewusste und engagierte junge Frau. Während des Studiums nahm sie an einem archäologischen Forschungsprojekt in Japan, Sri Lanka und Thailand teil. „Ich habe dort viele Freunde gewonnen“, erzählt die Tochter einer Lehrerin und eines Polizistin, die seit rund zweieinhalb Jahren mit einem IBM Fachmann verheiratet ist. Mit 800 Gästen hätten sie damals gefeiert, erzählt Kisha. Die Hochzeit haben traditionsgemäß die Eltern der Braut bezahlt. Die Familie zählt im indischen Kastensystem zu den Brahmanen, der obersten der vier Kasten im Hinduismus.


 

 

 

Er zählt zu den "Unberührbaren": Ram Nath Kovind. Mit ihm wurde zum zweiten Mal in der indischen Geschichte ein Angehöriger der untersten Stufe des Kastenwesens zum Staatspräsidenten gewählt. Wir besichtigen seinen Amtssitz The Rashtrapati Bhavan vis à vis des Indian Gate und ebenfalls von Sir Edwin Lutyens entworfen.

 

Weiter geht’s zum Das Humayun-Mausoleum, dem Grabbau von Nasiruddin Muhammad Humayun (1508–1556), dem nach Babur zweiten Herrscher des Großmogulreiches von Indien. Seit dem Jahr 1993 ist der Komplex als UNESCO Weltkulturerbe anerkannt.

 

Mit Kisha vor dem Humayun-Mausoleum.

In der National Gallery of Modern Art schauen wir uns eine temporäre Ausstellung über Mahatma Gandhis an. Der Salzmarsch 1930 war die spektakulärste Kampagne gegen das Salzmonopol der Briten, die Gandhi während seines Kampfes um Unabhängigkeit initiierte. Die Unabhängigkeitsbewegung führte mit gewaltfreiem Widerstand, zivilem Ungehorsam und Hungerstreiks 1947 das Ende der britischen Kolonialherrschaft über Indien herbei. Ein halbes Jahr danach fiel Gandhi einem Attentat zum Opfer.

 

Im Museumscafé gönnen wir uns noch ein „Samosa“, ein dreieckiges, mit Gemüsecurry gefülltes Pastetchen, und ein Glas Masala Chas. Ein erfrischendes, Buttermilchgetränk, leicht gewürzt. Unter anderem mit dem schmackhaften Kreuzkümmel, ein altes indisches Gewürz, das sich wiederfindet in vielen Gerichten und Getränke – nicht nur wegen seines köstlichen Aromas, sondern auch wegen seiner vielfältigen Heilwirkungen.

Ein Tag voller spannender Eindrücke geht zu Ende. Kisha und ich verabschieden uns. „Wenn du das nächste Mal nach Indien kommst, bist du mein Gast“, sagt sie und umarmt mich herzlich. „Ich werde alles tun, damit du dich wohlfühlst. Denn bei uns ist der Gast Gott.“

 


Das indische Kastensystem

Die eng mit dem hinduistischem Glauben verbundene Kultur Indiens hat vier (Haupt-) Kasten zum Ursprung, die auch in der heutigen Gesellschaft noch eine Art soziale Hierarchie oder das Familiengeschlecht kennzeichnen. Aus dem Sanskrit überliefert, reichen die Wurzeln des Kastensystems bis etwa 1.500 v. Christus zurück, als arische Volksstämme das Industal bevölkerten und bestimmte Regeln einführten, insbesondere um sich von den Eingeborenen abzugrenzen.

 

Diese Hierarchie wurde und wird noch heute von Generation zu Generation weitergegeben und kann im Laufe eines Lebens nicht verändert werden. Da das Kastensystem Teil der hinduistischen Religion ist, ist eine oft vom Westen erwünschte Veränderung kaum vorstellbar.

 

Man unterscheidet im Groben vier Kasten, die sog. Hauptkasten:

 

die Brahmanen: Priester, Richter,

• die Kshatriyas: Soldaten, Administratoren, Fürsten,

• die Vaishyas: Handwerker, Kaufleute, Farmer und

• die Sudras: Bedienstete, Diener, etc.

 

Nicht hinzugehörig zu den eigentlichen Kasten sind die sog. „Unberührbaren“, also die kastenlosen Menschen. Sie haben nach dem hinduistischen Glauben nicht das Recht, einer Kaste anzugehören, da sie aufgrund ihres Karmas (Gesamtheit der guten und schlechten Taten des vergangenen Lebens) in diese Kaste hineingeboren wurden. Man nennt sie daher Unberührbare, im Englischen „untouchables“. Der Name rührt daher, dass man befürchtete, sich Krankheiten oder anderes Unglück zuzuziehen, wenn man sie berührt.

 

Jeder Inder ist von Geburt an einer Kaste zugeordnet, d.h.er wird in die Kaste der Familie geboren und bleibt dort ein Leben lang. Nur die Art und Weise der Gestaltung des Lebens kann darüber entscheiden, ob man bei einer Wiedergeburt in eine höhere Kaste aufsteigt. Hochzeiten zwischen den Kasten bereiten häufig nicht nur große Probleme, sondern sind bisweilen auch unvorstellbar. Gute Taten in diesem Leben können aber nach dem Glauben der hinduistischen Gesellschaft dazu führen, dass man im nächsten Leben in eine höhere Kaste aufsteigt.

 

Wenn heute in der Geschäftswelt Indiens die Kasten auch eine geringere Rolle spielen, als noch vor einigen Jahrzehnten, so sind sie doch in den meisten Teilen Indiens immer noch ein bedeutender Bestandteil des täglichen Lebens. Das gilt insbesondere für das Land. In den Städten hingegen gilt es zwar ebenfalls, gut bezahlte Berufe und der Einfluss des Westens lockern aber die Wahrnehmung und Bedeutung der Kastensysteme in einigen Lebensbereichen bereits auf.

 

Offiziell wurde das Kastensystem im Jahr 1949 abgeschafft, es gehört wegen der Bedeutung der hinduistischen Religion für Gläubige immer noch zum täglichen Alltag und sitzt tief verwurzelt im Selbstverständnis der Gläubigen. Quelle: www.indi-guide.de


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Kommentare: 1
  • #1

    Horeis, Vera (Donnerstag, 16 Mai 2019 09:34)

    Wundervoller Bericht ! Du musst unbedingt der Einladung folgen und Kisha wiedersehen !!! Liebe Grüße, Vera